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Internationalismus Solidarität

Interviewreihe 2.Folge: Brasilien

Wir wollen in dieser Interview-Reihe in Erfahrung bringen, wie es bei unseren Genoss*innen in anderen Teilen der Erde in Bezug auf die Corona-Pandemie, dem Umgang damit und den dort getroffenen Maßnahmen aussieht. Dazu haben wir mit diesen Interviews geführt, die uns eine internationale Sichtweise auf die Pandemie und dem Umgang mit dieser ermöglichen.Da es sich bei der Corona-Krise um eine globale Problematik handelt, finden wir eine internationale Perspektive darauf auch als Zeichen der Solidarität mit unseren Genoss*innen unverzichtbar.

Hier das Interview als PDF  / English Version in PDF

Interview-Reihe – Brasilien

2. Folge: Brasilien

Dieses Mal berichtet ein Aktivist aus Brasilien, wie die Lage dort ist. Auch ihm danken wir für seine Mithilfe und dafür, dass er sich gerade in diesen schwierigen Tagen die Zeit genommen hat, uns unsere Fragen zu beantworten.

1.Könntest du zu Beginn kurz deine Organisation / Gruppierung vorstellen?

Die Organisation, in der ich früher mitgearbeitet habe, ist nicht mehr aktiv. Sie bestand hauptsächlich aus Studierenden und Arbeiter*innen und hatte sich auf das Thema ‚Wohnen‘ spezialisiert, unsere Arbeitsweise war dabei auf flachen Hierarchien und Selbstverwaltung basiert. Im Moment bin ich in keiner Organisation und arbeitete unabhängig in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen und Privatpersonen.

 

2.Wie sieht es mit Anti-Krisen-Maßnahmen wie Überwachung oder Ausgangsbeschränkungen in deinem Land aus?

Da Brasilien ein sehr großes Land ist, geht man in den verschiedenen Regionen unterschiedlich damit um. Im Allgemeinen wird den Leuten aber empfohlen, zu Hause zu bleiben. Außerdem gibt es Verfügungen zur Einstellung nicht-lebenswichtiger Dienstleistungen. In einigen Bundesstaaten sind die Maßnahmen strenger – an einigen Orten an der Küste, z.B. in Rio, kontrolliert die Polizei die Einhaltung des Verbots, sich am Strand aufzuhalten. An anderen Orten, wie beispielsweise in São Paulo, verwendet man Handydaten zur Überwachung, ob Menschen sich irgendwo versammeln. In einigen Städten geht man aberauch weiter, z.B. werden Bewegungsprofile von einzelnen Personen erstellt, um andere zu warnen, wenn bei ihnen Covid-19 festgestellt wurde. Im Moment [Stand: 26.04.2020] haben mehrere Städte allerdings Lockerungen der Maßnahmen über die nächsten Wochen in Aussicht gestellt.

3.Wie reagiert die herrschende Klasse bzw. wie reagieren Unternehmen auf die Konjunkturabkühlung (z.B. Arbeitszeitkonten  oder Kurzarbeit)?

Ein großer Teil der Unternehmen hat seine Mitarbeiter*innen ins Home-Office geschickt. Und dort, wo das nicht möglich ist, haben die Menschen ihre Arbeitszeit reduziert oder angepasst. Eine Bundesverordnung ermöglicht es den Unternehmen, Arbeitszeit und Löhne um bis zu 25 Prozent zu reduzieren – ohne entsprechenden Ausgleich. Außerdem können bestehende Arbeitsverträge mit einer Frist von bis zu 60 Tagen gekündigt werden [Anm. d. Übersetzerin: Früher waren es je nach Länge der Betriebszugehörigkeit bis zu 90 Tage]. Einige bekannte CEOs der größten Unternehmen üben Druck auf die einzelnen Regierungen aus, die Abstandsregelungen zu lockern, um den Betrieb am Laufen zu halten – ohne Rücksicht auf dieGesundheit der Mitarbeiter*innen – und haben schon hunderte Arbeiter*innen entlassen.

 

4.Wie geht Präsident Bolsonaro mit der Corona-Krise um? Wie denken die Menschen in Brasilien jetzt über ihn?

Gab es irgendwelche Veränderungen bzgl. seiner Popularität?Seine Haltung zur Pandemie ändert sich ständig, wie es bei vielen Themen der Fall ist. Noch vor einem Monat hatte er noch behauptet, Covid-19 sei eine Lüge und würde Brasilien in keinster Weise etwas angehen. Einige Zeit später gab er zu, dass es sich zwar im ganzen Land immer weiter ausbreitet, es sich hierbei allerdings nur um eine ‚kleine Grippe‘ handele und dass jede*r sein/ihr normales Leben weiterführen könne, abgesehen von älteren Menschen oder Angehörige einer Risikogruppe. Dann begann er – aus unbekannten Gründen – zu erzählen, dass Chloroquin die Lösung für das Problem sei und kündigte Investitionen in die Produktion des entsprechenden Medikaments an.Der Präsident wird auch nicht müde, die unmittelbare Kontinuität sämtlicher Aktivitäten zu verteidigen – er selbst besucht auch weiterhin überfüllte Orte, um seine Anhänger*innen zu treffen. Sein Umgang mit Covid-19 und seine Kämpfe gegen Gouverneur*innen, Abgeordnete und Senator*innen stürzt das Land zunehmend in eine politische Krise. [Mitte April]* hat er denGesundheitsminister entlassen, und [die Woche darauf]* trat sein Justizminister zurück, einer der beliebtesten Minister bei Bolsonaros Anhänger*innen.Im letzten Monat ist Bolsonaros Beliebtheit um mindestens 10 Prozent gesunken, Analyst*innen rechnen mit einem baldigen Amtsenthebungsverfahren oder seinem Rücktritt.

 

5.Wie ist die Situation im brasilianischen Gesundheitswesen? Ist es in der Lage, mit dem Virus fertig zu werden? Und hat die Mehrheit der Menschen einen Zugang dazu?

In Brasilien haben wir eine der größten und komplexesten Bürger*innenversicherungen, das der gesamten Bevölkerung sämtliche Leistungen umsonst zur Verfügung stellt, von der Grundversorgung bis zu fachärztlichen Behandlungen. In den letzten Jahren kam es allerdingszu einer Reihe von Kürzungen im Gesundheits- und Bildungswesen und jetzt sehen wir die Folgen davon. In einigen Städten sind die Kapazitäten der Krankenhäuser schon fast voll, nicht einmal die Tests reichen aus, um das Ausmaß der Pandemie zu sehen. Zur Verdeutlichung: In Deutschland werden mehr als 15.000 Menschen pro eine Million Einwohner*innen getestet, in Brasilien sind es weniger als 300 pro Million. Nur Personen mit schweren Symptomen werden getestet. Also kennen wir die wahren Ausmaße der Krise der Infektionen oder Todesfälle nicht einmal.

 

6.Gibt es irgendeine Art von Solidaritätsnetzwerken wie beispielsweise Nachbarschaftshilfen (also das Einkaufen von Lebensmitteln für infizierte Personen etc.)?

Viele Menschen organisieren solche Hilfen selbstständig, vor allem diejenigen, die am verletzbarsten sind. Die Anzahl spontaner Solidaritätsnetzwerke steigt zwar an, gleichzeitig bemerken wir aber auch eine zunehmende Spaltung des Landes in zwei Lager. Auf der einen Seite haben wir diejenigen, die den Präsidenten unterstützen und eine sofortige Wiederaufnahme aller wirtschaftlichen Aktivitäten fordert und diejenigen, die die Stay-at-Home-Maßnahmen soweit möglich unterstützen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Doch auch von denen, die die Notwendigkeit, zuhause zu bleiben, einsehen, vertreten viele einen eher individualistischen Ansatz. Wie frühere Initiativen zeigen, scheint es in Communities wie den Favelas mehr Solidaritätskampagnen wie das Sammeln von Lebensmitteln, Hygieneartikeln oder Medizinprodukten zu geben.

 

7.Bemerkst du einen Anstieg von nationalistischen Tendenzen wie „Wir, das brasilianische Volk, kann diese Krise nur als Einheit meistern“?

Ich denke nicht, dass es zu einem Anstieg kam. In Brasilien erleben wir seit Jahren einen enormen Anstieg solcher Kampagnen. So beginnt z.B. das Motto der Bolsonaro-Regierung mitden Worten „Brasilien über alles“. Anhänger*innen der Bundesregierung organisieren Auto-Demonstrationen, bei denen sie eine Fortsetzung des normalen Arbeitsalltags fordern – dabei tragen sie normalerweise Nationalfahnen und das Trikot der Fußball-Nationalmannschaft. Sie sagen, dass das Land nur durch Arbeit verbessert werden kann (was sich sehr nach „Arbeit macht frei“ anhört) und sie beschimpfen diejenigen, die eine Schließung von nicht-lebensnotwendigen Betrieben fordern als „Gammler“, „Faulenzer“ oder als unpatriotisch.

 

8.Wie ist die Situation von Obdachlosen, Gefangenen oder den Menschen in den Slums bzw. Favelas?

Für Gefangene gibt es Einschränkungen im Besuchsrecht. Letzten Monat haben diese Maßnahmen Aufstände in den Gefängnissen verursacht – so wurde es in einigen Fällen erlaubt, eine Gefängnisstrafe zuhause abzusitzen. Obdachlose Menschen sind von der Solidarität anderer abhängig. Wie oben bereits erwähnt, erhalten ärmere Communities wie Favelas Spenden oder organisieren selbst Hilfe. Aber es ist klar, dass es an einigen Orten schlicht nicht möglich ist, einfach zuhause zu bleiben oder keinen Kontakt mit anderen Menschen zu haben. Nach wochenlangem Druck hat die Bundesregierung einer Zahlung von Nothilfen zugestimmt. Menschen in Schwarzarbeit oder Menschen ohne Arbeit erhalten nun umgerechnet ca. 100 Euro pro Monat, was allerdings bei weitem nicht ausreicht und für die Menschen, die darauf angewiesen sind, viel zu spät kommt.

9.Wie steht es um die Versorgungsketten für Lebensmittel, Hygiene- oder Pflegeartikel aus? Kommt es zu Engpässen?

In den ersten Tagen nach Inkrafttreten der Abstandsempfehlungen waren an einigen Orten Toilettenpapier, Alkohol, Schutzmasken und einige Lebensmittel nicht verfügbar und dort, wo sie verfügbar waren, ist der Preis für diese Produkte enorm gestiegen. Aber ich denke, jetzt hat sich das wieder stabilisiert. Das Problem waren keine wirklichen Engpässe, sondern Hamsterkäufe resultierend aus Panik und individualistischem Denken Einiger.

10. Wie reagieren die Menschen allgemein auf die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen?

Ich denke, wie in den meisten anderen Ländern auch, gibt es verschiedene Reaktionen. Wie oben bereits erwähnt, gibt es zwei Hauptlager: Die die die Einstellung von nicht-lebensnotwendigen Aktivitäten unterstützen und die, die auf einen normalen Fortgang der Dinge bestehen. In der ersten Gruppe finden sich auch Menschen, die eine härtere Kontroll-Politik wie Bußgelder oder sogar Gefängnisstrafen für diejenigen fordern, die die Empfehlungen ignorieren. Und in der zweiten Gruppe findet man die, die eine Schwerpunktsetzung auf die Wirtschaft fordern und die, die einfach generell die Wissenschaft ablehnen.